Der Jubel war fast wie nach dem Gewinn einer Meisterschaft. Das Team tanzte im Mittelkreis, Cheftrainer René Spandauw ballte mehrfach die Faust, umarmte Co-Trainerin Helena Eckerle und jeden, der ihm in den Weg kam. Diese unbändige Freude musste einfach raus. Auf den Rängen feierten die Zuschauer begeistert eine Leistung der USC BasCats, die so nicht zu erwarten war. Nicht unter diesen Voraussetzungen, nachdem 24 Stunden zuvor nur drei gesunde Spielerinnen zur Verfügung standen. Doch das verbliebene Team ließ alles auf dem Spielfeld und fügte dem bis dahin ungeschlagenen Zweitliga-Tabellenführer Falcons Bad Homburg mit 68:63 die erste Niederlage bei. Ein Coup, ein Husarenstück. Ein Sieg durch pure Leidenschaft, Willen, Energie, aufopferungsvollen Kampf.
Symptomatisch für diesen unwahrscheinlichen Fight war Laurie Irthum. Völlig fertig saß die luxemburgische Nationalspielerin nach Spielende auf einem Stuhl, ließ sich von Physiotherapeut Marvin Albrecht behandeln. Die Erschöpfung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Tags zuvor schien ein Einsatz wegen eines Infektes nicht möglich, nun hatte sie über 33 Minuten gespielt. Nachdem alle gelernten Center nicht zur Verfügung standen, füllte sie diese Lücke aus. Irthum kämpfte für drei, bekämpfte Meghan Kenefick und Claire Signatowich gemeinsam mit Antonia Schüle meisterlich. Und Kelly Moten halft aus, holte neun Rebounds.
Laurie Irthum zeigte trotz Krankheit eine fantastische Leistung. Foto: Nicole Gieser
Rückblende: 48 Stunden zuvor. Eigentlich schien eine Spielverlegung sehr wahrscheinlich. Bad Homburg hatte seine Zustimmung signalisiert, die Ligaleitung wäre einverstanden gewesen – wenn es bei Bad Homburgs Einverständnis geblieben wäre. Plötzlich die Kehrtwende, trotz drei freier Termine bis März schien es nicht mehr möglich, auch kein Wochentagsspiel angesichts der kurzen Entfernung zwischen Bad Homburg und Heidelberg. So musste René Spandauw noch am Freitagabend Eleah Steins aus dem Regionalligateam reaktivieren und eine Spielberechtigung einholen. Helena Nägele und Laurien Lummer standen leider nicht zur Verfügung, Seila Skrijejl konnte wegen Achillessehnenproblemen nicht einspringen.
Bei Anne Zipser, Carla Koch, Greta Metz und Serafine Reder ging wegen Infekten gar nichts, ebenso fielen die Langzeitverletzten Melanie Hoyt, Lotta Simon, Greta Gomann und Melina Karavassilis aus. Was tun? Letztlich standen neun Spielerinnen auf dem Spielberichtsbogen, weil Julia Wroblewski trotz Bandscheibenvorfall einige Minuten spielte, ebenso wie die Kranken Antonia Laabs, Charisse Fairley, Leni Schramm-Bünning und eben Laurie Irthum.
Jayla Oden und Isabel Gregor lieferten sich tolle Duelle. Foto: Nicole Gieser
Doch irgendwie war das besondere Feuer bei den BasCats schon zu Beginn zu spüren. Zweimal lag das Team im ersten Viertel kurz zurück, doch Kelly Moten und Charisse Fairley trafen wichtige Würfe und so ging es mit 22:14 ins zweite Viertel. Und die Führung hätte höher ausfallen müssen doch Oden und Schüle trafen keinen ihrer Freiwürfe. Bei den Gästen überragte Isabel Gregor, sie ist einfach eine herausragende Aufbauspielerin. Eher enttäuschend waren die Vorstellungen der beiden Amerikanerinnen Meghan Kenefick und Claire Signatowich. Am Ende hatten sie nur 13 Punkte erzielt.
Kelly M Oten, hier gegen Clarie Signatowich, war nicht zu halten: 28 Punkte, neun Rebounds, drei Vorlagen, drei Ballgewinne – Einfach klasse. Foto: Nicole Gieser
Die BasCats witterten Morgenluft, Bad Homburg schien verwundbar, zudem sehr beeindruckt von der ungeheuren Energie der Heidelbergerinnen. Es blieb knapp, aber die BasCats lagen fast immer vorne. Angeführt von Kelly Moten, die ein überragendes Spiel machte, das Spiel lenkte, es beruhigte, wenn es nötig war und das Tempo anzog, wenn die Gelegenheit dazu war.
Die große Frage unter den rund 250 begeisterten Zuschauer war: Würden die Kräfte reichen? René Spandauw rotierte geschickt, sorgte immer wieder für Verschnaufpausen. Und doch gab es diese wenigen Momente, wo die Partie hätte kippen können. Doch Bad Homburg hatte an diesem Tag nicht die Klasse, wenige schwache Momente auszunutzen. Beim 63:63 schien eine Wende letztmals möglich, doch Oden, Schüle und Moten sicherten den Sieg. Ausgerechnet Gregor vergab die letzte Chance mit einem überhasteten „Airball“. Der Rest war Heidelberger Jubel.
Bleibt zu hoffen, dass die Nachwirkungen nicht zu stark sind, denn nächsten Samstag geht es zum Playoff-Mitbewerber TSV Wasserburg.
Michael Rappe
Stenogramm: 6:2 (2.), 8:9 (4.), 13:13 (6.), 20:13 (9.), 22.14 (10.), 27:18 (12.), 27:29 (15.), 40:34 (Halbzeit), 44:42 (25.), 57:50 (30.), 63:63 (37.), 68:63 (Endstand).
USC BasCats: Moten 28/2, Oden 14, Fairley 10/2, Schüle 6, Steins 4, Schramm-Bünning 3/1, Laabs 3, Irthum, Wroblewski.
Bad Homburg: Gregor 21/3, Bierina 14/2, T. Steinhoff 12, Signatowich 8, Kenefick 5, Seegräber 3/1, J. Steinhoff.
Rebounds (BasCats/Bad Homburg): 42:42 (Moten 9, Schüle 8, Steins 6 – Signatowich 17, Gregor 8, Kenefick 6)
Dreier: 24:26% (5/21:6/23)
Freiwurfquote: 52:58%
Assists: 12:13 (Moten 3, Oden 3 – Signatowich 4)
Steals: 13:5 (Oden 5 – Gregor 2)
Michael Rappe
Stimmen zum Spiel:
Cheftrainer René Spandauw: „Das war echt grandios. Dies ist einer meiner fünf schönsten Siege, die ich geholt habe. Was Laurie geleistet hat, ist unfassbar. Wir haben das mit Leidenschaft, Energie und Zusammenhalt gewonnen. In der Pause haben wir uns gesagt, nach uns die Sintflut, wir haben eine riesige Chance, dieses Spiel zu gewinnen. Irgendwann hat das Adrenalin übernommen. Das Team hat heute die Anweisungen befolgt. Antonia Schüle hat Meghan Kenefick super verteidigt. Sie ist leicht auszurechnen. Gegen Signatowich muss man ausboxen, dann wirft sie nicht so gut. Kelly und Jayla waren überragend, sie können so ein Spiel lenken. Und die Zuschauer haben heute enorm geholfen. Es ist geil, wenn die Halle so hinter einem steht. Ich bin stolz auf dieses Team.“
Kelly Moten: „Wir denken vor einem Spiel immer, dass wir gewinnen, weil wir Vertrauen in unsere Vorbereitung und in unseren Plan haben. Wir haben uns gesagt, lasst uns zusammenhalten und positiv bleiben. Ich hatte keine Angst, dass wir es verlieren können. René hat uns in einer Auszeit gesagt, kämpft und behaltet die Köpfe oben. Ich fühle mich gut heute und bin zufrieden mit mir. Ich bin auf dem Weg zurück, ich kann es noch. Die Freiwürfe? Ja, man muss klaren Kopf behalten. Ich denke immer an meine Mutter. Und hinterher telefoniere ich mit ihr. Ich denke, für uns als Team ist alles möglich. Wir können die Besten schlagen.“
Jayla Oden: „Wir waren heute bereit und hatten einen Plan. Es ist wichtig, dass man will. Der Sieg hat mich nicht überrascht, weil wir ein großartiges Team sind. Dieser Sieg ist super wichtig für uns. Mit meiner eigenen Leistung bin ich zufrieden, die Defense war gut. Es war eines meiner besten Spiele für Heidelberg. Aber wir alle haben 110 Prozent gegeben. Kelly war einfach klasse.“
Michael Rappe
Beitragsbild: Der Moment des Jubels beim Schlusspfiff. Foto: Nicole Gieser